Institutsgebäude der Chemie und Hörsaalzentrum der Justus-Liebig-Universität Gießen

Projektinformation

Der Namensgeber der Universität, Justus Liebig, der 1824 auf Empfehlung von Alexander von Humboldt als Professor berufen rund 28 Jahre an der damaligen „Ludoviciana – Ludwigs-Universität“ arbeitete, entwickelte ein Labor, das zum Vorbild für die Ausstattung chemischer Laboratorien auf der ganzen Welt wurde. Bis heute ist die Gießener Chemie eine Kerndisziplin und nimmt eine zentrale Brückenfunktion zwischen Medizin, Biologie, Physik und den angrenzenden Fächern Agrar- und Ernährungswissenschaften wahr. Mit dem Neubau werden nun zahlreiche Institute am neuen Standort zusammengeführt. Modernste Arbeitsbedingungen in den Labor- und Arbeitsräumen mit 20 leistungsstarken Großgeräten tragen zur Fortführung einer über 400 Jahre alten Tradition systematischer Forschung und praxisbezogener Lehre bei. Durch die Positionierung des neuen Institutsgebäudes für die Chemie und dem fakultätsübergreifenden Hörsaalzentrum ist ein neuer öffentlicher Platz, die sogenannte Piazza Süd, entstanden. Dieser städtebauliche Raum bringt die zentrale, über das gesamte Areal der Universität Gießen führende, Campus Magistrale zum Abschluss. Gleichzeitig verbindet die Campus Magistrale alle Universitätsgebäude fußläufig miteinander an deren anderem Ende die Piazza Nord mit der Bibliothek und Mensa liegt.

Die beiden Neubauten werden über den gemeinsamen Platz, die Piazza Süd erschlossen. Das auf die Topografie der Umgebung reagierende, teilweise zwei- bis viergeschossige, Institutsgebäude ordnet sich um einen grünen Innenhof an. Zentraler Gedanke der Grundrissentwicklung ist es sowohl öffentliche als auch nicht öffentliche Bereiche innerhalb des Gebäudes zu einem Ganzen zusammenzuführen und genügend Raum für Begegnung und Kommunikation –  institutsübergreifend wie auch zwischen Studierenden und Professoren – anzubieten. Prägendes Entwurfselement für das neue Institut der Chemie ist eine glasüberdeckte Magistrale, die das Gebäude zentral erschließt und als innerer öffentlicher Weg entlang der Längsachse des Gebäudes, dieses in einen öffentlichen Praktika- und einen nicht öffentlichen Forschungsbereich gliedert. Die Magistrale führt von der Ebene der Piazza Süd zwei Geschosse tiefer auf das Niveau des Leihgesterner Wegs, an dem die Haupterschliessung mit vorgelagerten Parkflächen liegt. Auf der einen Längsseite der Magistrale sind in einem langgestreckten Riegel die Praktika- und Seminarräume für die Studierenden untergebracht, auf der gegenüberliegenden Seite in einem u-förmigen Baukörper die internen Forschungslabore. Alle Labore sowie die Magistrale orientieren sich zum begrünten, terrassierten Innenhof hin, der mit seiner abwechslungsreichen Außenraumgestaltung zum Verweilen einlädt. Zweigeschossige gläserne Verbindungsbrücken zwischen den Gebäuden führen über den grünen Innenhof und optimieren die Wegebeziehungen. Gleichzeitig werden hier Aufenthalts- und Kommunikationszonen mit Sitzmöglichkeiten angeboten, die auch als temporäre studentische Arbeitsplätze nutzbar sind. Von den Brücken gehen die Blicke immer in den Innenhof, der die Topografie der direkten Umgebung der Justus-Liebig-Universität mit ihren Höhenversprüngen als prägendes Element in der Außenraumgestaltung aufnimmt.

Das dreigeschossige Hörsaalgebäude wird von der Piazza Süd als zweigeschossiges Volumen wahrgenommen, nach Osten zeigt es sich dagegen zu einem tieferliegenden, schönen Außenbereich dreigeschossig. Das Hörsaalzentrum vereint fünf unterschiedlich große Hörsäle. Der Größte und die beiden Kleineren werden über die Haupteingangsebene auf Höhe der Piazza Süd erschlossen. Die beiden anderen liegen unterhalb des großen Hörsaals und werden entweder über das Erdgeschoss über Treppen oder vom tieferliegendem Geschoss direkt von außen erschlossen. Alle fünf Hörsäle sind mit ansteigendem Gestühl ausgestattet. Das Hörsaalzentrum ist im Untergeschoss mit dem Foyer des Institutsgebäudes der Chemie verbunden; hier können auch Ausstellungen bei Kongressen und Tagungen stattfinden. In seiner Fassadengestaltung wird jeder einzelne Baukörper des Ensembles von einem hellen Sichtbetonrahmen gefasst, der die bis zur Deckenunterkante reichenden Verglasungen mit ihren Pfosten-Riegel-Konstruktionen aufnimmt. Der Charakter der Glasfassade wird durch die spielerisch anmutende Anordnung grüner Fensterpaneele geprägt, die das Grün der umgebenden Landschaft aufgreifen. Die entstehende Offenheit an den Gebäudelängsseiten ermöglicht den Bezug zur Landschaft. Gleichzeitig zeigen sich die Institute offen und transparent, sodass die Umgebung an der Arbeit in den Laboren teilhaben kann.

Im u-förmigen Gebäudeteil der Forschung gliedern sich die Forschungsräume in drei Bereiche: das Büro, die Laborfläche und die Dokumentationszone. Dabei sind die Büros an den Außenfassaden angeordnet und zum ruhigen Grünbereich nach Süden und teilweise nach Osten und Westen orientiert und bieten damit eine helle, freundliche und großzügige Atmosphäre. Ein Flur trennt die Büros von den Laboren und den dahinterliegenden Dokumentationszonen, die sich zum grünen Innenhof orientieren. Von den Laboren, in denen die Experimente durchgeführt werden, sind sie lediglich durch Glaswände abgetrennt. Da für die Experimente zahlreiche hochsensitive Geräte benötigt werden, die keinen Erschütterungen ausgesetzt werden dürfen, sind diese in einem Spezialbereich auf Gründungsebene zusammengefasst. In diesem Bereich wurden gesondert gelagerte Massenfundamente geschaffen, die auf mit Sand gefüllten Trögen oder Federisolatoren lagern. Durch diese Spezialfundamente wird eine schwingungsunabhängige Aufstellung ermöglicht.

Ort Gießen, Deutschland
Wettbewerb 1. Preis 2008
Bauzeit 2010–2016
BGF 28.375 m²
BRI 134.100 m³